Bescheidenheit

Die Fastenzeit ist vorbei. Der Alltag kehrt zurück – und mit ihm der alte Reflex: nachholen, ausgleichen, übertreiben. Zwischen Verzicht und Überfluss liegt selten Balance, eher ein Pendel.

Bescheidenheit ist in diesem Rhythmus kein Zustand, sondern eine Unterbrechung.

Da ist dieser junge Mann: gut ausgebildet, sprachlich und gedanklich geschult – und doch der Entschluss, zurück an die Universität, ins Seminar, auf einen Weg, der nicht auf Akkumulation zielt, sondern auf Reduktion. Ob Bescheidenheit für ihn am Anfang stand oder sich erst unterwegs eingestellt hat, bleibt offen. Vielleicht ist sie keine Voraussetzung, sondern eine Folge. Wer sich bindet, wählt Grenzen. Und Grenzen sind der Ort, an dem Bescheidenheit konkret wird.

Die Frage stellt sich allgemeiner: Ist Bescheidenheit ein Motiv – oder ein Nebenprodukt von Entscheidungen, die anderes suchen: Sinn, Ordnung, Verlässlichkeit?

Aus persönlicher Sicht, nach Übergängen – Studium, Neubeginn, Neuaufbau – wächst der Wunsch nach mehr: mehr Auswahl, mehr Komfort, mehr Spielraum. Verständlich. Und doch bleibt eine leise Gegenbewegung: die Fähigkeit, sich zu begrenzen, obwohl man es nicht müsste.

Bescheidenheit zeigt sich dort, wo „mehr“ seinen Druck verliert.

Eine einfache Suppe: Kartoffeln, Karotten, etwas Spinat. Kaum ein Pfund Sterling. Objektiv unspektakulär. Und doch vollständig. Kein Mangel, kein Überschuss. Einfach genug. Einfach lecker.

Vielleicht liegt genau hier ihr Kern: nicht im Verzicht, sondern im Ausreichen – ein Moment, in dem nichts hinzugefügt werden muss.

Man erkennt sich darin – auf unterschiedliche Weise. Keine große Geste. Nur ein stilles Maß.

Mahlzeit.1

  1. Foto: Matthias Haupt / Blueberry Food Studios

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